{"id":5654,"date":"2014-07-27T11:52:35","date_gmt":"2014-07-27T09:52:35","guid":{"rendered":"http:\/\/mr-spaceartist.com\/painter\/?p=5654"},"modified":"2014-08-01T10:30:30","modified_gmt":"2014-08-01T08:30:30","slug":"e-mail-interview-mit-michael-k-iwoleit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mr-spaceartist.com\/painter\/nachrichten\/e-mail-interview-mit-michael-k-iwoleit\/","title":{"rendered":"E-Mail Interview mit Michael K. Iwoleit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Michael K. Iwoleit<\/strong> wurde 1962 in D\u00fcsseldorf geboren und lebt heute in Wuppertal. 1982 machte er das Abitur und absolvierte eine Ausbildung zum Biologisch-technischen Assistenten, danach studierte er einige Semeter Philosophie und Germanistik. Seit 1989 ist er als freiberuflicher Autor, \u00dcbersetzer, Kritiker und Herausgeber vor allem im Bereich Science Fiction und phantastische Literatur t\u00e4tig, daneben arbeitete er als Texter f\u00fcr Werbe- und Industriekunden.<br \/>\nIn der Science-Fiction-Szene ist er vor allem f\u00fcr seine Novellen bekannt, f\u00fcr die er zweimal mit dem <strong>Kurd La\u00dfwitz Preis<\/strong> und viermal mit dem <strong>Deutschen Science Fiction Preis<\/strong> ausgezeichnet wurde, zuletzt 2013 f\u00fcr seine Erz\u00e4hlung <a title=\"Zum Wurdack Verlag\" href=\"http:\/\/wurdackverlag.de\/verlag\/product_info.php?cPath=1_9&amp;products_id=47\" target=\"_blank\">&#8220;Zur Feier meines Todes&#8221;<\/a>. Er ver\u00f6ffentlichte vier Romane und etwa drei\u00dfig Erz\u00e4hlungen, die teilweise ins Englische, Italienische, Spanische, Kroatische und Polnische \u00fcbersetzt wurden. Er ist Mitbegr\u00fcnder und Mitherausgeber des deutschen <a title=\"Zur Webseite des Magazins 'Nova'\" href=\"http:\/\/nova-sf.de\" target=\"_blank\">Science-Fiction-Magazins Nova<\/a> und des internationalen Science-Fiction-E-zines <a title=\"Zur E-Zine 'InterNova'\" href=\"http:\/\/nova-sf.de\/internova\/\" target=\"_blank\">InterNova<\/a>.<br \/>\nUnter anderem \u00fcbersetzte er Romane von <strong>Cory Doctorow<\/strong>, <strong>Sean Williams<\/strong> und <strong>David Wingrove<\/strong> ins Deutsche. Seit einigen Jahren ist er auch mit Lesungen, als Ambient-Musiker und Veranstalter in der 3D-Internet-Welt Second Life aktiv.<\/p>\n<p><strong>01) Michael, gleich zu Beginn unseres Email-Interviews stelle ich Dir die Frage alle Fragen: wie wurdest Du Science-Fiction Autor?<\/strong><\/p>\n<p>Das habe ich mich auch oft gefragt: Wie konnte das passieren? Ich schreibe bereits seit meinem elften Lebensjahr. Es war kein bewu\u00dfter Entschlu\u00df, das Schreiben zum Beruf zu machen. Ich habe einfach die erste Gelegenheit ergriffen, die sich daf\u00fcr bot, und hatte, trotz einer abgeschlossenen Berufsausbildung und einigen Semestern Studium, nie eine besondere Motivation, etwas anders zu machen (au\u00dfer vielleicht, Musiker zu werden, was ich heute im bescheidenen Rahmen wieder mache). Urspr\u00fcnglich bin ich \u00fcber die Weird Fiction und hier besonders Klassiker wie Lovecraft, Blackwood, Bierce und anderen zum Schreiben gekommen. Erst nach der Lekt\u00fcre der Werke von John Brunner (den ich ein paar Mal pers\u00f6nlich treffen konnte), <strong>J.G. Ballard<\/strong> und <strong>Philip K. Dick<\/strong> bin ich dann zur Science Fiction umgeschwenkt. Ich f\u00fchle mich heute nicht mehr ans Genre gefesselt und bin aufgeschlossen f\u00fcr alle Arten von Literatur und Kunst, aber die Science Fiction wird wohl immer meine literarische Heimat bleiben, weil mich die kreativen M\u00f6glichkeiten, vor allem in der kurzen Form, immer aufs Neue faszinieren.<\/p>\n<p><strong>02) Fiel Dir die Entscheidung Autor zu werden leicht?<\/strong><\/p>\n<p>Nach einigen gl\u00fccklosen Versuchen davor konnte ich 1989, dank eines Angebots von <strong>Heyne<\/strong>, endg\u00fcltig hauptberuflich in die SF einsteigen. Einige Jahre zuvor hatte ich bereits einige erfahrene SF-Profis kennengelernt, die mich bei meinen ersten Gehversuchen unterst\u00fctzten, und wu\u00dfte von daher ungef\u00e4hr, was auf mich zukommt. Au\u00dferdem kannte ich nach zwei Jahren eines zwar krisenfesten, aber unbefriedigenden Jobs an der D\u00fcsseldorfer Universit\u00e4t bereits die Frustrationen, die ein &#8220;solider&#8221; Beruf einem kreativen Geist einbrocken k\u00f6nnen, deshalb war die Entscheidung, ins unsichere Dasein eines freien Autors einzusteigen, &#8211; wie man heute sagen w\u00fcrde &#8211; &#8220;alternativlos&#8221;.<br \/>\nObwohl ich noch einige der fetten Jahre mitbekommen habe, als es zahlreiche SF-Taschenbuchreihen gab und sich dem SF-Profi Verdienstm\u00f6glichkeiten boten, von denen wir heute nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen, war die Sache besonders wirtschaftlich kein Zuckerschlecken. Bereut habe ich es trotzdem nie.<\/p>\n<p><strong>03) Was hat Dich in Deinem beruflichen Leben entscheidend gepr\u00e4gt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte das gro\u00dfe Gl\u00fcck, schon Anfang der Achtzigerjahre <strong>Ronald M. Hahn<\/strong> und <strong>Horst Pukallus<\/strong> kennenzulernen, von denen ich vor allem im Hinblick auf die endlos vielen,<br \/>\nsprachlichen und inhaltlichen Detailprobleme des Schreibens und \u00dcbersetzens viel lernen konnte und deren Flei\u00df und Professionalit\u00e4t mir immer ein Vorbild sein werden. Man kann jedem j\u00fcngeren Autor und sonstwie Kreativen nur raten, sich selbst solche erfahrenen Mentoren zu suchen und deren praktischen Kenntnissen f\u00fcr die eigene Arbeit zu adaptieren. Generell glaube ich, da\u00df es sich mit dem Schreiben \u00e4hnlich verh\u00e4lt wie mit der Philosophie: Man bleibt ein ewiger Anf\u00e4nger (es sei denn, man hei\u00dft Shakespeare oder James Joyce). Ich bin deshalb weit davon entfernt, mich f\u00fcr einen Meister zu halten, aber als Mit-Herausgeber zweier Magazine bin ich jetzt vielleicht in der Position, die Fackel an j\u00fcngere Autoren weiterzureichen, und dabei versuche ich einige Maximen zu vermitteln, die ich selbst Horst und Ronald verdanke:<\/p>\n<blockquote><p>Suche keine Ausfl\u00fcchten und Ausreden, befasse Dich mit den Sachen, die Du als Autor wissen mu\u00dft, lerne Dein Metier und Dein Medium kennen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Autoren, die nichts daran finden, da\u00df sie mit Grammatik und Orthographie auf dem Kriegsfu\u00df stehen und sich weder mit der Literatur im Allgemeinen noch der SF im Besonderen auskennen, sind auf dem falschen Dampfer und werden es mit dem Schreiben zu nichts bringen. Leider wollen das heute viele nicht mehr in ihre K\u00f6pfe bekommen.<\/p>\n<p><strong>04) Viele Menschen glauben immer noch, das K\u00fcnstler das Leben eines Boh\u00e9miens f\u00fchren. Wie sieht Dein Arbeitsalltag wirklich aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz einfach: Ich stehe um 16:00 Uhr auf, l\u00f6ffel einen Krabbencocktail, den mir meine hochgesch\u00e4tzte Mitbewohnerin ans Bett bringt, r\u00e4kel mich f\u00fcr ein St\u00fcndchen im Whirlpool, wimmel mit gro\u00dfz\u00fcgig verteilten Autogrammkarten die Fans und Groupies ab, die sich seit den fr\u00fchen Morgenstunden vor meiner Jugendstilvilla im Briller Viertel die F\u00fc\u00dfe in den Bauch stehen, poliere meinen Ferrari, den ich mir von den letzten VG-Wort-Tantiemen geg\u00f6nnt habe, und begebe mich anschlie\u00dfend zum Prosecco-Schl\u00fcrfen ins Luisenviertel, wo ich bis zum Schlafengehen der gro\u00dfe Inspiration harre, die gew\u00f6hnlich, aber nicht immer, erst nach dem Abflauen der Trunkenheit eintritt.<br \/>\nNein, im Ernst: ein <em>typischer<\/em> Arbeitstag ist das nicht. An dieser Schilderung stimmt lediglich, da\u00df ich manchmal wirklich erst um 16:00 aufstehe, was aber nicht ausschlie\u00dflich an akuter Arbeitsscheue, sondern noch \u00f6fter daran liegt, da\u00df sich meine Aktivit\u00e4ten mehr und mehr in die Nacht verlagern. Fast alle kreativen Menschen operieren am Rande des Chaos, und wie viele andere versuche ich ebenso hartn\u00e4ckig wie vergeblich, etwas Struktur und Regelm\u00e4\u00dfigkeit in meinen Arbeitsalltag zu bringen. In meinem Fall h\u00e4ngt es sicher damit zusammen, da\u00df ich ein ausgesprochener Multitasker bin und mir soviele Ideen und Interessen gleichzeitig durch den Kopf spuken, da\u00df ich selten damit zufrieden bin, mich ausschlie\u00dflich auf ein laufendes Projekt zu konzentrieren. Manchmal ergeben sich gewisse Schwerpunkte, wie gegenw\u00e4rtig die Arbeit an neuen Romanen, aber meistens schreibe ich an mehreren Stories und Esssays gleichzeitig, dazu kommen noch die Magazinarbeit und meine Internet-Aktivit\u00e4ten. Ein gewisses Ma\u00df an Parallelarbeit ist unvermeidlich, wenn man bezahlte Jobs mit ehrenamtlichen bzw. unbezahlten Aktivit\u00e4ten austarieren mu\u00df, der Rest aber ist pers\u00f6nliche Unzul\u00e4nglichkeit oder schierer Wahnsinn.<\/p>\n<p><strong>05) Was ist die treibende Kraft f\u00fcr Deine Werke? Der sch\u00f6pferische Drang? Die Inspiration?<\/strong><\/p>\n<p>Auf diese Frage k\u00f6nnte man allerlei erhaben klingende Antworten geben, was Autoren auch gern tun, aber die Wahrheit ist viel banaler. Aus Gr\u00fcnden, die mir wie den meisten Kreativen selbst nicht ganz klar sind, kann sich mein Kopf mit dem passiven Wahrnehmen von Dingen, die ihn reizen und faszinieren &#8211; seien es Musik, Literatur, Film, Kunst etc. -, nicht zufriedengeben. Mein Kopf generiert eigene Ideen, die er loswerden und in eigenen Werken verwirklicht sehen will. In meinem Fall ist der Ausgangspunkt oft ein vages Bild, eine Stimmung, eine Atmosph\u00e4re, ein sinnlicher Eindruck, der nach und nach Fleisch in Form von konkreten Handlungs- und Backgroundideen ansetzt. Ich verwende viel, manchmal vielleicht zuviel, Zeit darauf, vor dem Auge des Lesers interessante Settings entstehen zu lassen. In dieser Hinsicht sehe ich einige Gemeinsamkeiten mit visuell orientierten Autoren wie Ballard oder Gibson, die weniger daran interessiert sind, wie eine fremde Welt in logischem Sinne funktioniert, sondern wie ihre Aura ist, wie es sich anf\u00fchlt, in ihr zu leben.<\/p>\n<p><strong>06) An welchem Projekt arbeitest Du gerade?<\/strong><\/p>\n<p>Gerade arbeite ich an zwei Romanen parallel, was sich daraus ergeben hat, da\u00df durch eine l\u00e4ngere Krankheit und einen ausgedehnten Writer&#8217;s Block vieles liegen geblieben ist. F\u00fcr den kleinen, aber feinen <strong>Fabylon-Verlag<\/strong> arbeite ich an einer Romanfassung meiner preisgekr\u00f6nten Novelle &#8220;Der Moloch&#8221;, die aber nur einige Elemente der Novelle \u00fcbernehmen wird und ansonsten vollst\u00e4ndig neu ist. Verlegerin <strong>Uschi Zietsch<\/strong>, die normalerweise die freundlichste Kollegin in der Szene ist, die man sich nur w\u00fcnschen kann, sitzt mir gerade mit Peitschenhieben im Nacken, damit ich auch die restlichen 150 Seiten bald abliefere und das Ding noch in diesem Jahr erscheinen kann.<br \/>\nDem vortrefflichen <strong>Harald Giersche<\/strong>, Inhaber des noch kleineren, aber ebenso feinen <strong>Begedia Verlags<\/strong>, habe ich versprochen, in diesem Jahr endlich auch meine zum Roman ausgewachsene Novelle &#8220;In situ&#8221; fertigzustellen, auf die er ungef\u00e4hr seit der letzten Eiszeit wartet. Diesem Ziel bin ich auf weniger als hundert Seiten nahegekommen.<br \/>\nWenn das geschafft ist, stehen einige kleine Brot- und Butter-Projekte sowie ein Umbau bzw. Umzug meiner beiden Second-Life-Parzellen und die Vorbereitung neuer Veranstaltungen auf der Warteliste.<\/p>\n<p><strong>07) Der PC ist ein wichtiges Werkzeug f\u00fcr Autoren. Dazu kommt noch das Internet. Diskussionsforen, Webseiten, Blogs und &#8220;Datenbanken&#8221; wie Wikipedia sind f\u00fcr viele unentbehrlich geworden. Wie stark nutzt Du f\u00fcr Deine Arbeit das Internet?<\/strong><\/p>\n<p>Mir scheint, da\u00df viele Autoren die M\u00f6glichkeiten des Internets noch unzureichend nutzen. Blogs, Foren und selbst die Wikipedia sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe in j\u00fcngster Zeit etwas tiefer gebohrt und war geradezu fassungslos, welche ungeheueren Mengen an Material zur Bildung und Fortbildung, zur Information und Inspiration das Netz anbietet, wenn man sich nur gr\u00fcndlich anschaut. Das f\u00e4ngt schon bei einem popul\u00e4ren Portal wie Youtube an, das man anders nutzen kann, als sich den ganzen Tag Talkshowausschnitte und Katzenvideos anzuschauen. Ein SF-Autor kann hier jede Menge Vortr\u00e4ge, Tutorials, Diskussionen und Dokumentationen zu SF-relevanten Themen finden. Noch viel mehr ergibt sich, wenn man unter dem Stichwort &#8220;<strong>Open Content<\/strong>&#8221; recherchiert, hinter dem sich Massen an frei zug\u00e4nglicher wissenschaftlicher Literatur und universit\u00e4rem Schulungsmaterial verbergen. Und auch das ist noch nicht alles. Ich wage zu behaupten: wer noch nie einige der Sch\u00e4tze gehoben hat, die sich in Sites wie dem <a title=\"Zur umfangreichen Webseite von Archiv.org\" href=\"https:\/\/archive.org\/\" target=\"_blank\">Internet-Archiv<\/a>, <a title=\"All avant-garde. All the time.\" href=\"http:\/\/ubuweb.com\/\" target=\"_blank\">ubuweb<\/a> oder Vimeo, dem wohl besten Videoportal des Webs, verbergen, der kennt das Internet noch nicht.<br \/>\nDa\u00df ausgerechnet Schriftsteller, die praktisch frei Haus von der M\u00fche entlastet werden, sich wie in fr\u00fcheren Zeiten f\u00fcr ein paar Informationen durch Bibliotheken w\u00fchlen zu m\u00fcssen, oft wenig bis nichts \u00fcber solche Angebote wissen, f\u00fcr die sie die Urheber auf Knien lobpreisen m\u00fc\u00dften, scheint mir ein weiteres Symptom f\u00fcr die unzureichende Erschlie\u00dfung und Darstellung der Welt zu sein, in die wir uns hineinbewegen. Ich selbst nutze solche Quellen in letzter Zeit sehr intensiv, und sie haben meine Kenntnisse und F\u00e4higkeit sehr bereichert.<\/p>\n<p><strong>08) Du betreibst einen eigenen Blog <a title=\"Zum Weblog von Michael Iwoleit\" href=\"http:\/\/iwoleit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">iwoleit.wordpress.com<\/a>. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Als einen klassischen Blog w\u00fcrde ich die Seite nicht bezeichnen, obwohl ich daf\u00fcr eine bekannte Blogsoftware verwende. Es ist in erster Linie eine Autoren-Homepage, die \u00fcber meine diversen Ver\u00f6ffentlichungen und Aktivit\u00e4ten informiert. Es ist auf der Seite erst wenige Male vorgekommen, da\u00df ich mich dar\u00fcber hinausgehend ge\u00e4u\u00dfert habe, zuletzt \u00fcber die kreative Nutzung digitaler Medien, nicht zuletzt Second Life, und \u00fcber die Renaissance der Kurzgeschichte, die die Nobelpreisverleihung an die Kanadierin Alice Munro herbeif\u00fchren k\u00f6nnte. Es ist m\u00f6glich, da\u00df ich diesen kommentierenden Aspekt meiner Homepage in Zukunft noch etwas ausbauen werde, soweit es meine Zeit zul\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p><strong>09) Wie ist Deine Meinung zu &#8220;sozialen Netzwerken&#8221;, wie Facebook, Twitter, StudiVZ, Xing, und dergleichen?<\/strong><\/p>\n<p>Aus Professionellen-Netzwerken wie Xing, LinkedIn usw. hat sich f\u00fcr mich nie ein besonderer Nutzen ergeben, deshalb bin ich aus den meisten ausgetreten. Auf Facebook war ich einige Jahre aktiv, und man kann dem Netzwerk immerhin zugute halten, da\u00df es ein gute Replikator f\u00fcr Informationen und Nachrichten ist. Der erhebliche Zeitaufwand, um die Facebook-Kontakte zu pflegen, und insbesondere die Versuchung, jeden zu kommentieren, der soziale Netzwerke vor allem zum Herump\u00f6beln und zum Verbreiten seiner h\u00f6chst eingeschr\u00e4nkten Weltsicht nutzt, haben mich aber auf Dauer abgesto\u00dfen. Ausschlaggebend daf\u00fcr, meinen Facebook-Account im April dieses Jahres zu k\u00fcndigen, war dann die Lekt\u00fcre von Eli Parisers Buch &#8220;<strong>The Filter Bubble<\/strong>&#8220;. Da\u00df Anbieter eines kostenlosen Dienstes Geld verdienen m\u00fcssen und sich das im Web am besten \u00fcber Werbung bewerkstelligen l\u00e4\u00dft, ist mir durchaus einsichtig. Systematisch die privaten Aktivit\u00e4ten von Millionen Usern auszuspionen, damit Milliarden an der B\u00f6rse zu verdienen und, weil manche den Hals bekanntlich nie voll bekommen, Daten an die Geheimdienste zu verschachern, ist aber etwas ganz anderes. Facebook ist inzwischen neben Google zu einem der gr\u00f6\u00dften Datenkriminellen des Globus aufgestiegen, und solchen Molochen sollte man die Gefolgschaft verweigern. Warum ein Mann wie <strong>Edward Snowden<\/strong>, dem man f\u00fcr seinen Mut den Nobelpreis verleihen sollte, verfolgt wird, ein unversch\u00e4mter Schmarotzer wie Mark Zuckerberg aber hohes Ansehen genie\u00dft, ist eine der Absurdit\u00e4ten unserer Zeit, die einen in tiefste Depressionen st\u00fcrzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>10) Wir leben in einer sich immer schneller ver\u00e4ndernden Welt. Wie gehst Du mit diesen Ver\u00e4nderungen um?<\/strong><\/p>\n<p>Ich versuche vor allem, nicht blo\u00df Oberfl\u00e4chenreizen zu erliegen, sondern tiefere Einsichten \u00fcber die Entwicklungen zu gewinnen, die unsere Welt in immer dramatischerem Tempo ver\u00e4ndern. Die Medien- und Netzwerkwelt, die so viel unserer Zeit beansprucht mit ihrer hektischen Jagd auf alles, was hip und new und cool ist, ruht auf dem Fundament einer neuen, von der klassischen humanistischen Bildung deutlich abgesetzten Kultur, die seit einigen Jahrzehnten im Entstehen begriffen und den meisten blo\u00df passiv konsumierenden Internet-Benutzern ebenso wenig bewu\u00dft ist wie den traditionellen bildungsb\u00fcrgerlichen Schichten, die meinen, ein Monopol auf den Begriff &#8220;Kultur&#8221; zu haben. Diese Kultur ist ein neuartiges Denkgeb\u00e4ude, ein Raum von Ideen und Vorstellungen, zu dem Naturwissenschaftler, Mathematiker, Programmierer, auch einige K\u00fcnstler und Literaten Beitr\u00e4ge geleistet haben und die in ihrem Gesamtzusammenhang noch gar nicht richtig analysiert worden ist. \u00dcber diese &#8211; um einen unzureichenden Begriff zu benutzen &#8211; <strong>Cyberkultur<\/strong> versuche ich m\u00f6glichst viel herauszubekommen und ihr Anregungen zu entnehmen, die \u00fcber ein allzu oberfl\u00e4chliches Verst\u00e4ndnis der heutigen Welt hinausgehen.<br \/>\nEin Beispiel f\u00fcr das, was ich meine: Als 2011 Apple-Mitbegr\u00fcnder Steve Jobs verstarb, hat es die Nachricht bis aufs Spiegel-Cover geschafft und die Presse ist in ihren Elogen f\u00f6rmlich \u00fcbergeschnappt. Kaum irgendwo waren kritische Anmerkungen dar\u00fcber zu lesen, da\u00df Apple wie Microsoft seine besten Ideen geklaut hat und da\u00df Jobs mit seiner Firma lange Jahre technisch unzureichende Arbeit geleistet und gesch\u00e4ftlich haneb\u00fcchene Entscheidungen gef\u00e4llt hat. Als sieben Tage sp\u00e4ter <strong>Dennis Ritchie<\/strong> starb, war das den meisten Quellen nur eine Randnotiz wert, obwohl Ritchie als Mitentwickler von Unix und C zehnmal wichtiger und einflu\u00dfreicher war als alle Jobs&#8217;, Wozniaks und Gates&#8217; dieser Welt zusammengenommen. Welche Otto-Normal-PC-Benutzer ist sich schon bewu\u00dft, da\u00df es ohne Ritchie und Thompson weder das Internet noch die heutige kommerzielle Software gegeben h\u00e4tte? Dies ist ein Ph\u00e4nomen, das mich befremdet und beunruhigt: v\u00f6llige Ignoranz und Unbildung gegen\u00fcber der Welt, in der wir heute leben. Unser Bildungsapparat ist darauf noch gar nicht eingestellt. Unter Computerkompetenz verstehen Schulen, wenn Kinder lernen, einen Suchbegriff in Google einzugeben oder eine Excel-Tabelle anzulegen. Sie lernen aber so gut wie nichts \u00fcber die Geschichte und Hintergr\u00fcnde der Welt, in der sie sich f\u00fcr den Rest ihres Lebens zurechtfinden m\u00fcssen.<br \/>\nAls SF-Autor m\u00f6chte ich dem Fl\u00fcgel der Science Fiction angeh\u00f6ren, der selber Teil der Cyberkultur und Sachkundiger in die sich entfaltende neue Welt eingedrungen ist. Autoren wie <strong>Ted Chiang<\/strong> oder <strong>Greg Egan<\/strong> haben gezeigt, was die SF in dieser Hinsicht leisten kann.<\/p>\n<p><strong>11) Wenn Du einen Plan f\u00fcr die n\u00e4chsten, sagen wir vier Jahre h\u00e4ttest, wie w\u00fcrde der in etwa aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Vier Jahre sind arg knapp f\u00fcr meinen Marshall-Plan. Um einen \u00dcberblick meiner Aktivit\u00e4ten zu bewahren, lege ich gern Listen an, die ich versuche, systematisch abzuarbeiten, in der Hoffnung, da\u00df ich irgendwann am Ende ankomme. Nach einer vorl\u00e4ufigen Hochrechnung wird das Abarbeiten aller gegenw\u00e4rtig gelisteten Schreibprojekte, Fortbildungsma\u00dfnahmen und B\u00fccher, die ich unbedingt mal lesen sollte, etwa 250 Jahre in Anspruch nehmen, nicht eingerechnet die Ideen, die ich bis dahin haben werde. Ich wie meine Leser m\u00fcssen also hoffen, da\u00df <strong>Ray Kurzweil<\/strong> mit seinen Unsterblichkeitsprognosen wider Erwarten Recht hat, und uns ansonsten mit Geduld wappnen. Es kann f\u00fcr einen Kreativen ratsam sein, keinen allzu realistischen Blick auf das zu werfen, was er mit sich und seinem Leben vorhat.<br \/>\nBleiben wir aber bei den vier Jahren, so plane ich, in dieser Zeit ungef\u00e4hr Folgendes zu schaffen: In laufenden Jahr meine beiden aktuellen Romane und die Zusammenstellung eines Essaybandes, f\u00fcr den es bereits einen interessierten Verleger gibt. Danach m\u00f6chte ich das Expos\u00e9 eines umfangreichen, mehrb\u00e4ndigen SF-Romans fertigstellen, f\u00fcr den ich jahrelang recherchiert habe, und das Ding in den folgenden beiden Jahren auch schreiben. Danach steht ein historisch-phantastischer Roman an, dem ich zutraue, mir den erhofften Ruhm und Reichtum oder zumindest ein bi\u00dfchen Aufmerksamkeit au\u00dferhalb der SF-Szene einzubringen. Nebenher m\u00f6chte ich, was ich im letzten Jahr angefangen habe, vermehrt Stories auf Englisch schreiben und international publizieren.<\/p>\n<p><strong>12) Was w\u00fcrdest Du den jungen Menschen raten, die gerade ihr Abitur \/ Hochschulreife erlangt haben und die vor der Entscheidung stehen ob Sie ein Studium beginnen oder in das Berufsleben einsteigen sollen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich mir ansehe, da\u00df \u00e4ltere Kollegen, die jahrzehntelang geschuftet haben, sich m\u00fchsam bis zur Rente durchschlagen m\u00fcssen und ich selbst noch nicht wei\u00df, wie ich das Rentenalter lebend erreichen soll, w\u00e4re jeder kluge Ratschlag ein Selbstbetrug. Ich kenne talentierte j\u00fcngere Kollegen, teilweise mit abgeschlossem Studium, die damit rechnen m\u00fcssen, sich niemals fest im Berufsleben etablieren und sicher niemals allein eine Familie ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Niemand, der sich mit Ach und Krach \u00fcber die Vierzig hinaus gehangelt hat, w\u00fcrde gern mit dem Jugendlichen tauschen, die heute vor einer in der Nachkriegsgeschichte unseres Landes beispielhaften Perspektivlosigkeit stehen. Ich bezweifle, da\u00df es noch eine Branche gibt &#8211; au\u00dfer Politik, Insolvenzverwaltung und Aktienspekulation -, die man Jugendlichen ehrlich als sichere Zukunftsoption empfehlen kann. Wenn nicht bald ein dramatischer Umschwung in der Politik stattfindet, der dazu f\u00fchrt, da\u00df die alte Weisheit &#8220;Kinder sind unsere Zukunft&#8221; wieder mehr als nur eine Phrase ist, drohen uns Verh\u00e4ltnisse wie in Japan, wo immer mehr Jugendliche unter dem Druck zusammenbrechen und sich in Gewalt und Kriminalit\u00e4t fl\u00fcchten. Was will man in einer solchen Situation raten? Es mag zynisch klingen, aber mir f\u00e4llt da nichts Besseres ein als: Mach das, was Dir Spa\u00df macht, auch wenn Du damit rechnen mu\u00dft, den Gro\u00dfteil der n\u00e4chsten drei\u00dfig Jahre arm und erwerbslos zu sein &#8211; immerhin hast Du dann Deine Zeit nicht mit einem Job vergeudet, der dich anwidert, und Dich nicht von schwachk\u00f6pfigen Vorgesetzten in die Psychiatrie treiben lassen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Da wird es hell in einem Menschenleben, wo man f\u00fcr das Kleinste danken lernt.&#8221; Friedrich von Bodelschwingh<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>13) Wenn Du auf Deine bisherige Karriere zur\u00fcckblickst, worauf bist Du besonders stolz?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Frage, die mich in Verlegenheit bringt. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte meiner bisherigen Laufbahn warich ein ziemlich fauler Hund und k\u00f6nnte dem Erreichen meiner Ziele heute bereits sehr viel n\u00e4her sein, wenn ich in j\u00fcngeren Jahren etwas mehr Disziplin aufgebracht h\u00e4tte. Einige j\u00fcngere Kollegen, die nicht die Flei\u00dfgene unserer heute 60 bis 70 Jahre alten Vorbilder geerbt haben, plagen sich mit \u00e4hnlichen Problemen herum, deshalb brauche ich vielleicht nicht allzu betr\u00fcbt zu sein. Seit Anfang des neuen Jahrhunderts und insbesondere seit ich f\u00fcr zwei Jahre meinen Arbeitsplatz in einer Werbeagentur aufgeschlagen hatte und termingerechtes Arbeiten und Kaffeetrinken lernte, hat sich zwar manches gebessert, aber aus meiner pers\u00f6nlichen Sicht habe ich noch keinen Anla\u00df, restlos mit mir zufrieden zu sein und auf irgendetwas besonders stolz zu sein. Aber wenn man dem Urteil einiger berufener und urteilsf\u00e4higer Zeitgenossen glauben darf, habe ich einige der besten deutschen SF- Kurzgeschichten und vor allem -Novellen der letzten zehn Jahre geschrieben, wovon vermutlich die Erz\u00e4hlungen in meiner ersten Sammlung &#8220;Die letzten Tage der Ewigkeit&#8221; am l\u00e4ngsten Bestand haben werden. Seit ich mehr als Erz\u00e4hler hervorgetreten bin, ist ein anderer Teil meines Schaffens, an dem mir einiges liegt, meine literarischen Essays, etwas weniger beachtet werden. Ausgesprochen zufrieden bin ich mit meinen Essays \u00fcber Carter Scholz, Lucius Shepard und J.G. Ballard, die einige, wie ich hoffe, literaturhistorisch nicht unbedeutende Analysen enthalten.<\/p>\n<p><strong>14) Gibt es einen Traum, den Du Dir erf\u00fcllen m\u00f6chtest?<\/strong><\/p>\n<p>Wer als Autor behauptet, da\u00df er nicht davon tr\u00e4umt, doch einmal auf den absonderlichen Umwegen, die das Leben zuweilen einschl\u00e4gt, mit einem Werk auf den Bestsellerlisten zu landen und mehr als ein Anerkennungshonorar einzufahren, ist wohl unaufrichtig. Gegen einen solchen Gl\u00fccksfall und dem damit verbundenen finanziellen Befreiungsschlag (oder wie es mein Kollege Ronald Hahn ausdr\u00fcckte: &#8220;Wogen von Brot und Beifall&#8221;) w\u00fcrde auch ich mich sicher nicht mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen wehren. Solang es nicht passiert, kann man sich mit einer Lebensweisheit tr\u00f6sten: Pa\u00df auf, was Du Dir w\u00fcnschst, es k\u00f6nnte in Erf\u00fcllung gehen. Viele kommerziell erfolgreiche Autoren sind so an eine bestimmte Masche gefesselt, die Leser und Verlage von ihnen erwarten, da\u00df sie ihre kreative Autonomie verloren haben und sich die Unabh\u00e4ngigkeit und Selbstt\u00e4ndigkeit zur\u00fcck w\u00fcnschen, die sie als junge und aufstrebende Autoren einmal hatten. Insofern hat ein Dasein als relativ unbekannter und kommerziell unbedeutender Autor auch seine positiven Seiten, die man zu sch\u00e4tzen wissen sollte. Ich werde einfach versuchen, meine Arbeit weiterhin so gut zu machen wie ich kann, und werde es dem\u00fctig hinnehmen, wenn je eine Woge aus Ruhm und Reichtum auf mich zurollen sollte.<br \/>\nMein prim\u00e4res Ziel ist aber, wenigstens all die Ideen zu verwirklichen, die ich heute schon habe. Mit \u00fcber f\u00fcnfzig kommt kommt einem langsam die Begrenztheit der eigenen Lebenszeit zu Bewu\u00dftsein, und es wird einen Einsatz erfordern, gegen den meine bisherige Laufbahn ein Klacks war, um diese Zeit so zu nutzen, wie ich es mir vorstelle.<\/p>\n<p><strong>15) Zum Abschluss m\u00f6chte ich Dir eine ganz pers\u00f6nliche Frage stellen: was hast Du vom Leben gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Antwort auf eine solche Frage kann leicht so pathetisch ausfallen wie die Frage selbst, deshalb bewundere ich Interviewer, die den Mut haben, sie trotzdem zu stellen. Obwohl ich die F\u00fcnfzig bereits \u00fcberschritten habe, ist es mir gelungen, soweit ein Kindskopf zu bleiben, da\u00df ich wohl noch zu jung und zu t\u00f6richt f\u00fcr definitive Lebensweisheiten bin. Ich versuch&#8217;s trotzdem mal provisorisch: Gegen alle Widrigkeiten sich selbst treu zu bleiben, halte ich f\u00fcr eine der wenigen legitimen Quellen von Stolz. Man darf allerdings nicht erwarten, sich mit Beharrlichkeit Achtung zu verdienen, schon gar nicht, daf\u00fcr mit Erfolg belohnt zu werden. Wir leben in einem Zeitalter des Duckm\u00e4usertums und der besinnungslosen Hinnahme dessen, was eine Massen- und Mediengesellschaft einem an Ma\u00dfst\u00e4ben und L\u00fcgen in die K\u00f6pfe pumpt. Anders ist wohl nicht zu erkl\u00e4ren, warum die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse in unserem Land noch nicht zu einer Revolution gef\u00fchrt haben und warum die &#8220;m\u00e4chtigste Frau der Welt&#8221; nicht l\u00e4ngst im amerikanischen Exil leben mu\u00df. Wenn man als Kulturschaffender auch nur einen Hauch dazu beitragen kann, da\u00df sich in dem einen oder anderen Kopf der Funke kritischen Denkens entz\u00fcndet, hat sich die ganze M\u00fche bereits gelohnt. Aus der kleinen Nische, in der ich arbeite, werde ich weiterhin versuchen, dazu beizutragen, auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, da\u00df an dieser Aufgabe schon viel Gr\u00f6\u00dfere verzweifelt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael K. Iwoleit wurde 1962 in D\u00fcsseldorf geboren und lebt heute in Wuppertal. 1982 machte er das Abitur und absolvierte eine Ausbildung zum Biologisch-technischen Assistenten, danach studierte er einige Semeter Philosophie und Germanistik. 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